Fairtrade – Chancengeber oder Sozialromantik

Der faire Handel führte seit den 1970er Jahren eher ein Nischendasein. Inzwischen ist aber Fairtrade auch in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Über 230 Städte, Gemeinden, Landkreise haben mittlerweile das begehrte Zertifikat als Fairtrade-Stadt erhalten.

In Ostwestfalen-Lippe gibt es demnächst 11 Fairtrade-Städte ( Bad Oeynhausen, Bielefeld, Bünde, Paderborn, Herford, Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück, Vlotho und seit kurzem auch meine Heimatstadt Lage und in wenigen Tagen ebenfalls Oerlinghausen und Bad Lippspringe.

Als ich  als Parlamentarische Staatssekretärin beim Entwicklungsminister vor etwa eineinhalb Jahren alle 16 Bürgermeister des Kreises Lippe angeschrieben hatte mit dem Hinweis auf die Chancen, die eine Fairtrade-Zertifizierung für die Menschen unserer Region aber vor allem die Bildungs-Möglichkeiten vieler Kinder in Entwicklungsländern mit sich brächten, war die Skepsis noch groß. Häufig war von schlichter Sozialromantik die Rede, ohne tatsächlich  nachweisbare Wirkungen. Das hat sich inzwischen völlig geändert.

Von Kaffee, über Blumen und Kleidung gibt  es inzwischen über 2.000 mit dem Fairtrade-Siegel zertifizierte Produkte in über 42.000 Verkaufsstellen in Deutschland. Von dem Aufpreis in Höhe von 15 – 20 Prozent für Fairtrade-Produkte – für umweltschonenden Anbau, für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung – werden vor allem Bildungsprojekte für Kinder finanziert. Bildung statt Kinderarbeit, heißt das Motto.

Das Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten – raus aus der Armut, nicht raus aus dem eigenen Land als Flüchtling. Davon profitieren wir Europäer aber auch etwa 1 Million Kleinbauern oder Genossenschaftler in Entwicklungsländern mit ihren Familien.

Die Zertifizierung von Fairtrade-Produkten erfolgt nach strengen Kriterien und engmaschigen Kontrollen, die die Organisation Fairtrade Labelling Organisation (FLO – Cert) in über 70 Ländern dürchführt.

Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und eine zertifizierte Rosenfarm, die Panda Flowers in Kenia besucht und mit vielen der über 1.000 – meist Frauen – Beschäftigten gesprochen über ihre Arbeitsbedingungen und die Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen. Ich habe mich zudem davon überzeugt, dass mit dem Fairtrade-Aufpreis und weiteren Spenden des Unternehmens folgende Projekte finanziert wurden:

  • ein Gesundheitszentrum für 35.000 Frauen, ferner
  • Schulbauten für die Kinder der Mitarbeiter / Mitarbeiterinnen
  • zudem Unterkünfte für Straßenkinder
  • ressourcenschonende Wassernutzung und Schmutzwasseraufbereitungsanlagen.

Das Unternehmen hält hohe internationale Standards ein, die kontinuierlich überprüft werden.

Eine Studie der Cranfield Universität (Groß-Britannien) belegt zudem, dass die CO2-Bilanz von Treibhausrosen aus Holland eine sechs-mal schlechtere CO2-Bilanz ausweist, als Flug-Rosen aus Kenia. Diese Bilanz ist überraschend.

Was muss eine Stadt oder Gemeinde unternehmen, um Fairtrade-Stadt zu werden? Nun, zunächst muss der Stadtrat die Einrichtung einer Steuerungsgruppe beschließen, die dafür sorgt, dass mindestens zwei Fairtrade-Produkte im Rathaus und der Verwaltung konsumiert werden. Anschließend wird – je nach Einwohnerzahl – Unternehmen des Einzelhandels, der Gastronomie, Kantinenbetreiber, Schulen, Kirchen, etc. als Partner gewonnen. Auch hier gilt wieder die Verpflichtung, mindesten zwei zertifizierte Produkte anzubieten, z.B. Tee, Kaffee – aber auch Saft, Gewürze, Schokolade, Bananen,  Reis, etc.

Zudem sollten Schulen mitmachen und in mindestens zwei Jahrgangsstufen in zwei Unterrichtsfächern das Thema Fairtrade und die Lebensbedingungen der Menschen in Entwicklungsländern zum Unterrichtsthema machen. Der Bildungseffekt ist enorm und mit dieser Initiative entstehen häufig sehr prosperierende Entwicklungsprojekte, zum Beispiel zwischen Schulen in Deutschland und Schulen in Afrika, Süd-Amerika oder auch Asien.

Schulen, die sich in dieser Weise engagieren, erhalten zusätzlich das Fairtrade-Siegel; sie werden zu Fairtrade-Schools. In Deutschland gibt es derzeit 40 solcher Schulden mit diesem Zertifikat – weitere 62 Schulen befinden sich in der Bewerbungsphase.

Bildung, Ausbildung als Hilfe zur Selbsthilfe zu konzipieren, ist klug und zukunftsweisend und hat rein gar nichts mit bloßer Sozialromantik zu tun. Wir alle können von solchen Projekten profitieren in den reichen und armen Ländern und so Konflikte und Flüchtlingsströme vermeiden helfen.

Wer weiß schon, dass in 10 Jahren jeder 4. junge Mensch auf dieser Welt ein Afrikaner / eine Afrikanerin sein wird?

Im Jahr 2040 werden in Afrika mehr als 1 Milliarde Menschen im arbeitsfähigen Alter leben – weilt mehr als in China und Indien. Bildung und Ausbildung vermitteln diesen Menschen echte Lebensperspektiven auf dem Chancenkontinent Afrika: In über 20 der 54 afrikanischen Staaten beträgt die durchschnittliche Wirtschaftswachstumsrate 6,5 %, Tendenz steigend.

Dies sind positive Botschaften, die wir unbedingt zur Kenntnis nehmen sollten, bei allen Katastrophen, von denen wir täglich in den Medien hören und lesen. Mittel- bis langfristig gesehen, wird der Chancenkontinent Afrika zum Handelspartner, mit neuen Absatzmärkten und damit auch Wirtschaftschancen für uns Europäer.

Nutzen wir also unsere Verbrauchermacht und entscheiden wir uns bewußt für Fairtrade-gesiegelte Produkte.

Im Rahmen von Fairtrade-Frühstücken, die in diesem Jahr in den Aktionswochen vom 25. April bis 1. Juni 2014 stattfinden, lässt sich einmal mehr auf den Nutzen hinweisen, den der faire Handel im Leben von Bauern und ihren Familien bringt.

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