Besiegelte Textil-Scheinwelt

Die Textil-Initiative von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ist zweifellos gut gemeint aber nicht verlässlich umsetzbar.

Innerhalb der Textil Produktions- und Lieferkette gibt es schätzungsweise pro Kleidungsstück etwa 150 beteiligte Unternehmen – weltweit; vom Anbau der Baumwolle, der Herstellung von Seide o.ä.,über Färbung, Zuschnitt, Nähen mit Beiwerk (Reißverschluss, Knöpfe, etc.) , Verpackung, bis hin zum Versand.

Das vom BMZ initiierte „Einheitsgütesiegel Textil“, das die Einhaltung von sozialen, ökologischen und arbeitsrechtlichen Basis-Standards für die gesamte Textil-Herstellungs- und Lieferkette GARANTIERT, ist offenkundig unrealistisch und könnte Verbrauchervertrauen kosten.

Europäische Firmen wie H & M, Adidas, Benetton oder Aldi riefen ein Bündnis ins Leben, den „Bangladesh Accord on Fire and Building Safety“, dem inzwischen fast 190 Firmen angehören. Bei jüngsten Inspektionen wurden in allen Textilfabriken etwa 80.000 Sicherheitsmängel in über 1.100 inspizierten Fabriken. Vor allem Baumängel und fehlende Feuerschutzeinrichtungen gaben Anlass zu diesen Beanstandungen. Hier sind vor allem die Fabrikbesitzer diejenigen, die sich weigern, diese Mängel abzustellen und das dafür nötige Geld bereit zu stellen.

Verantwortlich für die in den Herstellerländern von Textilien herrschenden Rahmenbedingungen und damit auch für die Sicherstellung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen sind zunächst die Regierungen dieser Länder. Sie müssen die nötigen Gesetze erlassen, deren Einhaltung überprüfen und Korruption bekämpfen. Dies alles geschieht derzeit aber nur mangelhaft.

Aber auch die deutsche Bundesregierung, vor allem das Entwicklungsministerium, steht in der Verantwortung, bei Regierungsverhandlungen über Entwicklungsprojekte entsprechende Auflagen zu vereinbaren. Kein Geld für Nachlässigkeit und Gefährdung von Menschenleben, so muss die Devise lauten. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit muss an den Kriterien „guter Regierungsführung“ in den Partnerländern ausgerichtet werden und dabei auch der Sicherstellung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen Rechnung tragen.

Die Forderung nach zwingenden Standards für die deutsche Bekleidungsindustrie ist schon deshalb nicht zu realisieren, weil im globalen Wettbewerb ausländische Textilunternehmen daran nicht gebunden wären. Die Folge davon wäre eine Vernichtung der deutschen Textilindustrie mit erheblichen Arbeitsplatzverlusten, ohne damit einer Problemlösung näher gekommen zu sein.

Wie durch ein entsprechendes „Gütesiegel“ der Verbraucher mit in die Pflicht genommen werden kann, ist nach den Erfahrungen mit einer Vielzahl anderer Produkte nicht nachvollziehbar. Viel wichtiger ist eine umfassende Produktinformation, damit der Verbraucher eine selbstbestimmte Kaufentscheidung treffen kann. Eine „Bevormundung“ der Kunden – auf welchem Weg auch immer – lehne ich ausdrücklich ab.

Nota bene:

Bangladesch gilt mit einem Anteil von etwa zehn Prozent nach China und der Türkei als der drittgrößte Exporteur von Textilien nach Europa.

Die Arbeitsbedingungen in den rund 4.500 Fabriken der Textilbranche, die vier Millionen Menschen, vornehmlich Frauen, beschäftigen, sind extrem schlecht. Die Arbeiter müssen täglich bis zu 16 Std. arbeiten. Dafür bekommen sie höchstens 45 Euro / Monat, Urlaubstage gibt es nicht.

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